Wohnwünsche der 25- bis 45-jährigen Bewohner des Ländlichen Raums
Eine Befragung im Rahmen von MELAP
Von Dr. Margrit Glaser, Universität Tübingen*
Anfang 2005 hat die Universität Tübingen im Rahmen von MELAP in sieben Modell-gemeinden Baden-Württembergs eine schriftliche Befragung zu den Wohnwünschen der 25-45-jährigen Bewohner durchgeführt, an der insgesamt 627 Personen teilnah-men. Ergänzt wurde die Befragung durch Gruppengespräche in den Gemeinden.
Die Befragten leben sehr gerne im ländlichen Raum. Die Tendenz, aus dem Ort wegzuzie-hen ist gering, die Bindung an die Gemeinde hoch, wobei neben Familie, Freunde und der Integration in das Gemeindeleben der Immobilienbesitz eine wichtige Rolle spielt. Als relativ unbefriedigend werden allerdings Freizeitmöglichkeiten, Verkehrsanbindung, Arbeitsplatzan-gebot, Immobilien sowie Schul- und Kinderbetreuungssituation beurteilt. In vielen Fällen wird dies allerdings als „notwendiges Übel“ des Lebens auf dem Lande erlebt, das ansonsten viele Vorteile bietet. Die Befragten sind sehr interessiert an einer Belebung des Ortskerns. MELAP wird daher durchweg positiv bewertet und hat einen recht hohen Bekanntheitsgrad.
Mit dem Thema „Umziehen, Bauen oder Renovieren“ befassen sich ungefähr ein Drittel der Befragten mehr oder weniger intensiv. Sie kämen also prinzipiell für MELAP in Frage. Mehr als die Hälfte dieser Personen wäre daran interessiert, im Ortskern zu bauen (57 %) oder ein Haus umzubauen (62 %). Dies gilt allerdings praktisch immer mit der Einschränkung, dass zuvor das Kostenproblem gelöst werden muss. Vor allem beim Renovieren alter (Bauern-)Häuser überwiegt die Meinung, dass dies mit sehr hohen, auch unvorhersehbaren, materiel-len und zeitlichen Kosten verbunden sei, die sich meist nur Leute mit genügend Geld oder Idealismus leisten könnten. Die Bedenken lassen sich in dem Satz zusammenfassen: „Man steckt viel Geld rein, wird nie fertig und am Ende hat man doch nur ein altes Haus.“ Auch der MELAP-Zuschuss ändert daran aus Sicht der Teilnehmer oft nicht all zu viel. Im Gegenteil: Beharrt die Gemeinde auf einer Herstellung „zeitgemäßer Wohnverhältnisse“, so übersteigen die Kosten für das Renovieren schnell das für den Interessenten machbare, der, um die Kos-ten zu strecken, vorübergehend lieber etwas „unzeitgemäß“ wohnen würde. Auch erscheinen die Fristen, die MELAP für das Strecken der Kosten vorsieht, vielen Interessenten nicht lang genug. Als Ausnahme wird gesehen: „Man besitzt bereits ein altes Haus, muss es also nicht erst kaufen.“ So haben auch die meisten der Befragten, die ganz konkret an einem Umbau eines älteren Hauses im Ortskern interessiert sind, bereits ein eigenes Haus dafür vorgese-hen – oft das der Eltern oder Schwiegereltern.
Zwar wird durchaus gesehen, dass renovierte, ältere Gebäude im Ortskern „mehr ‚Atmo-sphäre’ haben“, „man nicht in einem Einheitshaus lebt“, und – am wichtigsten – dass man in einem „Gebiet der kurzen Wege“ lebt, aber das Erhalten alter Bausubstanz oder das Bewah-ren des typischen, unverwechselbaren Ortsbilds ist den Befragten in der Regel nicht allzu wichtig: „Das Dorf verändert sich immer – das ist der Wandel der Zeit.“ Ein Interesse an stil-gerechter Renovierung ist nur vereinzelt vorhanden: „Ob ein Fachwerk 20 oder 500 Jahre alt ist – das sieht doch niemand.“
Da die Bewohner in ihrer Mehrheit, entgegen dem MELAP-Programm, eher für „Abriß und Neubau vor Umbau“ plädieren, bedeutet dies für die Gemeinden: Sie können diesen Wün-schen weitgehend entgegenkommen, indem sie nur sehr wenige Vorgaben, auch hinsichtlich des Erhalts des Ortsbildes, machen. Die Folge wäre, etwas überspitzt ausgedrückt: „Im Ortskern sieht es aus wie im Neubaugebiet“. Auf der anderen Seite können sie versuchen, die MELAP-Vorstellungen durchzusetzen. Dies ist aber mit einer erheblichen Überzeu-gungsarbeit verbunden. Eine wichtige Rolle spielen dabei die Planungsbüros, die sich um so mehr um die Bauwilligen kümmern müssen, je mehr das Dorf im Sinne von MELAP umges-taltet werden soll. Wird die notwendige Überzeugungsarbeit nicht intensiv genug betrieben, reagieren die Bürger schnell mit dem Argument: „Immerhin ist das mein Haus, in dem ich immer noch machen kann, was ich will.“ Bei einem sensiblen Vorgehen lassen sich aber genügend Bewohner finden, die um des Vorteils willen, in einem individuell gestalteten Haus mit Tradition zu leben, bereit sind, die Schwierigkeiten, die sie beim Renovieren älterer Häu-ser befürchten, in Kauf zu nehmen. Dabei ist es vor allem die jüngste Altersgruppe der 25-29-Jährigen, die sich für das (Um-)Bauen im Ortskern begeistern läßt. Eine weitere Möglich-keit, alte Häuser zu erhalten, besteht darin, Interessenten außerhalb des Dorfes, die über genügend finanzieller Mittel oder über genügend Zeit und Idealismus für ein aufwendiges Renovieren alter Häuser verfügen, zu suchen. Dies ist in Einzelfällen auch bereits gesche-hen. Alle Ergebnisse der Befragung finden Sie im Internet unter www.melap-bw.de.
* Dr. Margrit Glaser befaßt sich seit Jahren im Rahmen von Befragungen mit Themen des Ländlichen Raums.
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